1/15/2010

einen freiherrn im haupthaar


Selbst den Spiegel bewegte das geschmeidige Haupthaar des neuen Verteidigungsministers zu Guttenberg, eine Rückkehr des Glamours in die Politik auszurufen. Die Kanzlerin hingegen hatte es mit seidenem Abendkleid und tiefem Dekolleté Monate zuvor nur geschafft, ein bisschen Brust zur Opernnacht zu einem kleinen Politskandal werden zu lassen, in dem Kommentatoren und Medien ihr wenig modernes Bild einer Frau mit Macht und Verantwortung kundtun durften. Die Beurteilung der weiblichen Festgarderobe überlässt man aus diesem Grund wohl besser Männern mit Kunstverstand: Guido Westerwelle jubelte am Abend des Bundespresseballes Ausrufe der Begeisterung ins rbb-Mikrophon: Würde Frau Aigner in einem solchen Kleid ins Kabinett kommen, toll wäre das. In ihrem politischen Alltag ist für Frauen hingegen immer noch das Graue-Maus-Spiel im burschikosen Hosenanzug das Mittel der Wahl, möchte sie einen kompetenten Eindruck wahren.
Die Rückkehr des Glamours in das Regierungsviertel gründet sich folglich auf die designierten Herren, Pomade im Gepäck und treue Ehefrau im Knopfloch. Dass diese adelig steife Gelacktheit nicht selten mit Attraktivität gleichgesetzt wurde, zeugte von der Ödnis des Wahlkampfes und dem Ausmaß des Schönredens.


Das Magazin der Süddeutschen Zeitung hat in seiner neuen Ausgabe den adretten Freiherr noch weiter geadelt. Karl-Theodor zu Guttenberg, Minister in einem Land, das derzeit nur wenige lebende Stilikonen aufweist, scheint modisch eine solche Bedeutung errungen zu haben, dass sein Look von Teenagern begehrt und imitiert wird. Belegt wird dieses Phänomen mit einer Fotostrecke von Münchner Jugendlichen, die ihren Kleiderschrank entlang des „Noblesse Chic“ bestückt haben. Doch der erste Topf Gel entsprang mit Gewissheit der Kosmetiktasche des Vaters, das erste Jackett wurde in beratender Einkaufsbegleitung der Mutter erworben, das Seidentuch zurechtgezupft bevor Guttenberg sich anschickte, neue modische Maßstäbe im Kabinett zu setzen. Es soll Mütter geben, die freuen sich über die Goth-Phase des Sprösslings und sehen die Schürfwunden der ersten Skate-Versuche als Vorbereitung auf den Ernst des Lebens. Wie trist wären ansonsten die Fotoalben, die man der fernen Verwandtschaft zeigt?
Auch Karl-Theodor wird denken: „Huch, so sahen wir doch damals schon aus“, das große SZ-Stil-Interview aber dennoch zusagen.

Doch wenn es nach Spuren der Politik in der Mode zu suchen gilt, will ich das in der nächsten Woche auf den Laufstegen der Fashionweek in Berlin gerne tun. Besonders freue ich mich auf das Streitgespräch zwischen Petra Pau und Sascha Lobo, die darüber debattieren werden, welche Markenbotschaft das freche rote Haar sendet, ob der Look am Ende eine Hommaga an Sebastian Krumbiegel, Sänger der Prinzen ist, und weshalb der Verteidungsminister das Trendsetting für sich entschied.


6 comments:

  1. solche lackaffen (und äffinen) gab es ja früher auch schon, aber schön doch, dass die sz den neokonservativen weiter das wort redet und dieser "bewegung" ein wenig platz einräumt

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  2. Eben, das geht nicht auf das Konto von Guttenberg, und lange suchen musste man für diese Stilblüten in München bestimmt nicht. Selbst in Berlin würde man schnell fündig.

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  3. in jeder stadt wirst du "danach" fündig.
    wie schade das man schon so früh so alt ist oder sein möchte.

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  4. na, wenn die wenigstens "neokonservativ" wären....

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  5. Harhar, da sieht mir Alexander von Eich noch realer aus.

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