model at strenesse blue, photo by trevor from good & up
24 Stunden nachdem die Mercedes-Benz-Fashion Week am Samstagabend mit der Modenschau der dänischen Designerin Stine Goya einen Abschluss fand, spannt sich das Zelt des Modezirkus noch immer fest über die Hauptstadt. Keine Zeitung verzichtet auf Berichte über die Berliner Modewoche, die zahlreich angereisten Blogger finden am Morgen die Muße, die Mode des kommenden Winters zu kommentieren; Streetstyle-Fotografen jagen auf dem Flohmarkt im Mauerpark den Stil Berlins in der Kälte. Die Boutiquen der jungen Avantgarde-Designer öffnen ihre Show Rooms am Ruhetag für den Verkauf; kurz vor der Abreise schlendern die Mode-Touristen durch die Retrospektive des Modefotografen F.C. Gundlach im Martin-Gropius-Bau.
Die Modewoche, deren großes Show-Zelt seit 2007 in Berlin aufgeschlagen wird, ist in diesem Jahr im Schoß der Stadt angekommen. Die Schauen am Bebelplatz werden ergänzt durch die Verkaufsmessen Bread & Butter, Premium und THEKEY.TO, eine Plattform für „grüne“ Mode. Zahlreiche junge Modeschöpfer laden zu eigenen Präsentationen in kleinem Rahmen ein. Über 100 verschiedene Veranstaltungen haben seit Mitte der Woche das Modepublikum aus ganz Deutschland angezogen und streuen sich quer durch die Stadt. Das rege Treiben der kreativen Schneiderkunst erfreut jedoch nicht jeden Berliner. Eine Petition von Bürgern wehrte sich gegen das Zelt auf dem Bebelplatz und verwies auf seine Rolle als Ort des Gedenkens an die Bücherverbrennung 1933 durch die Nazis. Die ausrichtende Agentur IMG ist nun auf Suche nach einem neuen Veranstaltungsort. Denn der Petitionsausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses empfiehlt, „die Nutzung des Bebelplatzes nur zuzulassen, wenn ein würdevoller Umgang mit dem Mahnmal gewährleistet ist.“ Die Fashionweek fällt aus Sicht der Petenten unter eine nichtkulturelle „Halli Galli“-Veranstaltung.
Doch die Berliner Modewoche nicht als Teil der Kulturszene zu begreifen, verkennt ihren künstlerischen Anspruch, den sie allmählich entfaltet. Das erste Mal gab es in diesem Jahr eine gemeinsame Show von neun Avantgarde-Designern, die ihre Kollektionen im ehemaligen ungarischen Kulturzentrum vorstellten. Frank Schröder, der über sein Blog „I heart Berlin“ erste Kontakte zu Designern knüpfte, hatte die Idee zu "Designerscouts" nach dem er im Rahmen der London Fashion Week die „Vauxhall Fashion Scouts“ besuchte. Die Show am Donnerstagabend verknüpfte Mode, Kunst, Musik und Netzkultur zu weitaus mehr als einer „Modeparty“, wie ein Protestplakat am Mahnmal des Künstlers Micha Ullmann titelte.
Auch im Zelt am Bebelplatz suchten die Designer die Nähe zu anderen Formen der Kunst. Die Designerin Andrea Karg vom Label Allude arbeitete für ihre Show mit dem Lyriker Albert Ostermaier zusammen. Seine eigens für die Kollektion geschriebenen Texte wurden von Schauspieler Axel Milberg eingelesen und untermalten die Show. Patrick Mohr, der in der letzten Saison seine Entwürfe von Obdachlosen auf dem Laufsteg zeigen ließ, schickte dieses Mal wieder Models abseits der Norm auf den Catwalk: mit Bodybuildern und Frauen mit extremen Silikonbrüsten stellte der Münchner eine Spielart der Körperkunst noch vor seine eigene Mode.
Obgleich Patrick Mohr als Enfant Terrible der deutschen Designer einmal wieder die gesitteten Laufstege am Bebelplatz aufmischte, reicht diese Art der Provokation nicht aus, um ein internationales Fachpublikum zu locken. Suzy Menkes, die Koryphäe der Modekritiker vom International Herald Tribune, kehrte nach ihrem erstmaligen Besuch im vergangenen Sommer nicht an den Bebelplatz zurück. Die Bloggerin Mary Scherpe jedoch organisierte die virtuelle Teilnahme der renommierten Journalistin. Sie hatte Suzy Menkes kurz zuvor in Paris besucht und für die Panel-Diskussion „Fashion Blogs – Hype or Future“ interviewt. Nach dem Eingangsstatement von Suzy Menkes diskutierten Blogger und Journalisten mit den knapp 250 Gästen. Suzy Menkes äußerte sich begeistert über die Veränderungen, die sich innerhalb der Mode durch das Social Web ergeben haben: „Mode ist zu einem Dialog geworden – das wird sich nicht mehr ändern, so bleibt es für immer.“
Die Modebranche hat sich tatsächlich konsequent für enthusiastische Nachwuchskritiker geöffnet, deren Einschätzungen Designer auch in Paris und London so große Bedeutung beimessen, dass Modeblogger die Präsentationen kommender Trends von der ersten Reihe aus erleben dürfen. Die kriselnde Musikmesse Popkomm hat in den letzten Jahren Bloggern den Zutritt verwehrt; die Mode-Events in Berlin akkreditieren sie selbstverständlich. Designer laden sie ein hinter die Kulissen der Schauen, Strenesse Blue engagierte Julia und Jessie von Les Mads für eine Live-Berichterstattung über Twitter, die Michalsky StyleNite bot den Zuschauern, die keine Einladung ergattert hatten, einen Video-Livestream im Netz. Schon wenige Stunden nachdem die Kreationen den Laufsteg verlassen haben, beginnt der Dialog. Die Arbeit der Online-Kritiker trägt dazu bei, die Berliner Modewoche über die Stadtgrenzen hinaus bekannt zu machen.
Dass die Modewoche in Berlin nach wie vor um Legitimation als kulturelle Veranstaltung kämpfen muss, hat mehrere Gründe: aufgrund fehlender international etablierter Modeschöpfer ist das Berliner Aufgebot für das Herz der Modekritik ein Nice to have, aber kein Pflichttermin. Das Befüllen der Rängen mit C-Prominenten kratzt an der Ernsthaftigkeit der Veranstaltung, hält kulturelle Meinungsführer von der Teilnahme ab und befördert die Tendenz der Berichterstattung, sich anstelle von Mode auf Klatsch zu fokussieren. Mitunter bestärken die Designer die personenzentrierte Wahrnehmung selbst: Michael Michalskys StyleNite glich einer abgehobenen Hommage an die eigene Person, die eine triste Kollektion nicht zu stützen wusste; Lena Hoschek las anstatt über ihre Kleider nur über das Stolpern des ProSieben-Topmodels Barbara Meier, das auf ihrem Laufsteg die Schuhe verloren hatte. Der einstige Medienliebling der Modenschauen, Klaus Wowereit, hatte sich derweil im Zelt der Mercedes-Benz Fashion Week angenehm zurückgehalten. Die einzige Besucherin aus der Bundespolitik war Grünen-Politikerin Claudia Roth, die stolz erzählte, die Grünen hätten "das schnöde Grau im Bundestag durchbrochen". In der Vergangenheit hat Claudia Roth immer wieder durch modischen Mut und Roben des Luxus-Labels Escada geglänzt und irritiert. Ein ebenso beherztes Verwerfen der Konventionen könnte nun der nächsten Fashion Week zu mehr Relevanz verhelfen: dies würde in erster Linie bedeuten, die Mode allein als Stargast zu laden.
Dieser Artikel ist zuerst the old fashioned way gedruckt auf Papier erschienen im Freitag.
Die MP3 ist eine Momentaufnahme. Sie steht für einen Fortschritt, dessen Ursprung der Wille des Menschen Dinge zu vervielfältigen und zu kopieren ist. Sie ist der verwirklichte Traum unserer Eltern, die umständlich versuchten, Radiosendungen mitzuschneiden oder Vinyl auf Kassetten zu bannen. Ihren Siegeszug allerdings konnte das bereits ab 1982 vom Fraunhofer Institut entwickelte Format erst antreten, als die technischen Voraussetzungen für deren gesellschaftliche Verbreitung in die Arbeits- und Kinderzimmer der breiten Masse Einzug hielten.
Mitte der 1990er Jahre einigte man sich zunächst, die MP3 auch als solche zu bezeichnen: ihr wurde das Kürzel .mp3 verliehen, das wenig später auf den Festplatten der besten Familien tausendfach zu finden sein sollte. Einhergehend mit den ersten Wiedergabegeräten und der für Kodierung und Abspielen nötigen Software auf den ersten medial ernstzunehmenden Rechnern trat sie ihren bis dato anhaltenden Siegeszug an.
Ihr Weg ins Internet glich derweil einer Schnitzeljagd. Lange bevor Apple die MP3-Player salonfähig machte, setzte der Musik-Fan auf CDs. Die Ware Musik ausschließlich als Datei zu nutzen, schien anfangs schlicht und einfach zu abstrakt. So wurde zunächst via Brenner die eigene Sammlung aufgestockt und nicht wenige Haptiker verzweifelten daran, Cover auszudrucken oder Rohlinge optisch aufzuhübschen. Von dort allerdings war der internetbasierte Tauschhandel mit komprimierter Musik nicht mehr weit. Der Tausch verlagerte sich vom Wohnzimmer ins IRC, ein vorsintflutliches Chat-Netzwerk, in dem kurz vor Ende des Jahrtausends ein zartes Pflänzchen aufkeimte, das die Musikindustrie als Szene Angst und Schrecken lehren sollte.
Dabei wollte die Szene im Kern nichts anderes sein als ein digitales Wohnzimmer: ein etwas überdimensioniertes Stelldichein zwischen ihren Mitgliedern, die sich aus einem illustren Kreis speisten, der Zugang zu Promos und Frühveröffentlichungen hatte, bei dem Musik allerdings ausdrücklich privat und für den Eigengebrauch getauscht werden sollte. So entstand ein globales Netzwerk, dessen Rückgrat aus den ersten, eher romantischen Internetpiraten, ein paar Servern in schwedischen Kellern oder deutschen Universitäten und einem strikten Regelwerk bestand. Die Szene war ziviler Ungehorsam im engsten Kreis, vielleicht etwas organisierter, aber am langen Ende nicht mehr als der ideologische Ziehsohn des Bootleggings, das schon unsere Eltern betrieben.
Spätestens mit Napster allerdings halfen auch die besten Vorsätze nichts mehr. Denn was die Szene intern veröffentlichte, fand seinen Weg über Umwege in ein Netzwerk, das jedem zugänglich war und so zum Massen-Multiplikator für Lieder und Alben wurde, deren Releasedate noch in weiter Ferne lag. Damit hatte das Internet de facto die konventionellen Vertriebswege überholt. Wer sich hier bediente, musste zwar durch ISDN oder 56k-Modem gedrosselt knapp 2 Stunden auf den Download eines Albums verwenden, war aber im Zweifelsfall seinen analogen Freunden in puncto Aktualität trotzdem um Lichtjahre voraus.
Was einzig und allein fehlte, war die Öffentlichkeit, deren Absenz vor allem darauf fußte, dass kurz nach der Jahrtausendwende gegen die Nutzer von Napster, die Betreiber von Servern und die Mitglieder der Szene mit aller gebotenen juristischen Gewalt vorgegangen wurde. Die Industrie zitterte und zeigte ihre hässliche Fratze, in dem sie scheinbar bereit war, gegen jeden vorzugehen, der sich nicht auf den üblichen Vertriebswegen sondern via Filesharing und Peer-to-Peer bediente. Die Privatkopie war in ihrer Wahrnehmung per se Raubkopie geworden.
Schon im Februar 2001 stellte Apple jedoch den iPod vor, den ersten hübschen MP3-Player mit 5 GB Speicher. Dieser konnte mit knapp 2500 Songs mittlerer Qualität gespeist werden, für die man umgerechnet ca. 2500 € hätte berappen müssen. Dies bedeutete nichts anderes, als dass der Computer-Riese aus Cupertino als erstes Großunternehmen stillschweigend die Existenz illegaler Downloads anerkannt, wenn nicht ausgenutzt hatte. Spätestens aber mit der Implementierung des iTunes Music Store in 2003 wurde die MP3 so gesellschaftsfähig, dass sie nicht nur im verborgenen sondern auch im öffentlichen Auditorium des Netzes ihren Platz finden konnte.
Die Revolution begann also Anfang des Jahrhunderts. Damals machte sich in den Köpfen ein neues Verständnis von Musik breit. Eines, das die Schöpfungen von Musikern von der Meinungsherrschaft der Plattenverlage und den Zwängen der TV- und Radiomacher sowie der Ladentheke befreien wollte. Geschmack sollte wieder etwas werden, was der Menge und nicht einem Diktat entsprang. Kurz: Man wollte sich die Musik zurückholen. Und das Mittel dazu sollte eine Einrichtung sein, die damals den meisten Menschen noch unbekannt war: Blogs.
Ins Rollen brachten die Sache 2002 jene Musikblogs, die heute noch im Internet unter stereogum.com und fluxblog.org zu finden sind. Sie wurden zunächst beliebte Anlaufpunkte und bald schon Pflichtprogramm für alle Musik-Liebhaber, die auf keinen Fall etwas verpassen wollten. Anfangs waren sie noch ohne online abspielbare Musik, dafür mit deutlichem Tagebuch-Charakter. Mit der Zeit wurde Fluxblog-Betreiber Matthew Perpetua mutiger und ergänzte seine Beiträge zunächst mit Links zu Musiktauschbörsen. Dann begann er zum Jahreswechsel 2004 mit etwas, was die Blaupause für die meisten Musikblogs bis heute werden sollte.
Seine Idee war, Künstler ebenso subjektiv wie knapp vorzustellen und seine Einträge mit direkt herunterladbaren Audio-Dateien zu ergänzen. Vom heutigen Standpunkt aus gesehen, scheint so etwas selbstverständlich, damals jedoch bedeutete es einen riesigen Fortschritt: War der Musikinteressierte vorher darauf angewiesen, sich auf Rezensionen in Printmedien zu verlassen oder stundenlang nachts Musikfernsehen zu verfolgen, war die Musik jetzt wortwörtlich nur noch einen Klick entfernt.
Die neue Fülle an schnell verfügbaren Songs erleichterte selbst Ottonormalhörern die Entwicklung eines individuellen, breit gefächerten Musikgeschmacks jenseits des Mainstreams. Und weil die Blogsoftware sowohl kostenlos als auch einfach zu bedienen war, dauerte es nicht lange, bis auch Nischengenres ihren Weg in die Blogosphäre fanden. Der Großteil der so entstandenen Blogs verschwand allerdings genau so schnell wieder wie er aufgetaucht war. Durchsetzen konnten sich vor allem diejenigen, die sich an eher traditionellen Werten orientierten: Aktualität, Kontinuität, Qualität, Stilsicherheit und einem Gefühl für den Zeitgeist.
Die erfolgreichsten Blogs taten jedoch mehr als das. Sie fütterten die Leser, respektive Hörer mit ihren Visionen von Musik, also jenen möglichen Trends, die zunächst nur als Idee fernab des Mainstreams existierten – und lösten dadurch Wellen aus, die von der teilweise immensen Zahl von Lesern und durch Aggregatoren wie Hypem zusätzlich befeuert in die Welt getragen wurden. Durch Bloglove, also die besonders häufige Erwähnung in Blogs, konnten Bands wie Justice, The Teenagers, La Roux oder Little Boots (Ja, auch die Arctic Monkeys oder das LCD Soundsystem) auf sich aufmerksam machen, obwohl ihnen zunächst nicht viel mehr als ihre Musik und das Internet zur Verfügung stand.
Seit klar ist, dass Blogs erfolgreich Trends kreieren, bekommen Blogger täglich Dutzende von E-Mails, in denen ihnen neue Musik schmackhaft gemacht werden soll. Zu Beginn stammten diese Mails hauptsächlich von den Künstlern selbst, seit geraumer Zeit aber hat auch die Musikindustrie mitsamt ihren angeschlossenen Agenturen Blogs als Werbeplattform entdeckt.
Dennoch scheinen die großen Vertriebe den Umgang mit dem Medium immer noch nicht wirklich zu beherrschen. Das merkt der Musikblogger zum Beispiel daran, dass es nicht selten vorkommt, dass ein Label eine Musik-Datei zur Veröffentlichung freigibt und nur wenige Tage später aus dem selben Haus die resolute Aufforderung folgt, die Datei wieder von der Seite zu nehmen. Ansonsten drohten rechtliche Schritte. "Die eine Hand scheint nicht zu wissen, was die andere tut, im Zweifelsfall wird mit Kanonen auf Spatzen geschossen", sagt etwa Jörg Finckbein, Berliner Blogger, DJ und Mitglied von Grindin, einem diskreten, aber zunehmend einflussreichen Kollektiv von Musik-Bloggern.
"Zu Beginn war Grindin nicht mehr als ein Netzwerk, das verschiedene, hochklassige Blogs miteinander bekannt machen sollte", sagt Niklas Mijdema vom schwedischen Blog Discobelle, der das Projekt ins Leben gerufen hat. Mittlerweile gehören fast alle Szene-Größen zu der Gemeinschaft, die sich hauptsächlich via E-Mail-Verteiler verständigt und sich im Netz nur als Linkliste auf Discobelle zu erkennen gibt.
Viele der Grindin-Blogger besitzen inzwischen eigene Labels, arbeiten bei größeren Vertrieben, verdingen sich als DJs, Musiker und Videokünstler oder schreiben für Magazine. Einhellig schätzen die "Grinder" dabei die Expertise ihrer Kollegen oder aber deren zuweilen nützliche Kontakte.
Sein eigenes Blog allerdings leide unter Grindin, scherzt Jason Forrest, Erfinder des Blogs Birthday Party Berlin sowie der gleichnamigen Partyreihe. Grund dafür ist eine Maxime, die Grindin-Mitglieder dazu anhält, nur Musik zu veröffentlichen, die von Labels oder Künstlern freigegeben wurde. Es ist ein Dogma, das die Arbeit der Grinder einerseits komplizierter macht, sie andererseits aber von Bloggern abgrenzen soll, die illegal Musik verbreiten.
Mittlerweile reifen innerhalb von Grindin Pläne, die den Verteiler einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen sollen. Zu diesem Zweck wird eine eigene Webseite entstehen, welche die Beiträge der inzwischen mehr als 40 Blogger zusammenführen soll. Dieses Super-Blog wäre das Flaggschiff für ein Netzwerk, dessen Blogs insgesamt circa drei Millionen Besucher pro Monat auf sich vereinigen würden – eine Zahl, die auch für Werbekunden von Interesse sein dürfte.
Ob sich Grindin aber als Plattform für Werbung anbieten soll, ist unter den Mitgliedern strittig. Man will jedoch prüfen, welcher zusätzliche Nutzen sich einstellen könnte, wenn man als Einheit aufträte. Zur Diskussion stehen hierbei Kooperationen mit großen Vertrieben, eine Radio-Sendung, eine globale Partyreihe, ein eigenes Label oder eine Agentur, die sowohl Künstler fördert als auch bei deren Vermarktung hilft. Wichtig sei, das man "der musikalische Rotary Club des Untergrunds" bleibe, sagt Jörg Finckbein.
Damit verfolgt Grindin einen Ansatz, der versucht, Musik von unten rentabel zu machen. Anstatt wie die Major-Labels von den großen Margen vergangener Tage zu schwärmen und sich dem technischem Fortschritt zu verweigern, geht es hier darum, die Dynamik eines aufbrechenden Marktes zu nutzen.
In dieser Perspektive könnten Interessengemeinschaften wie Grindin zu Sprachrohren des mündigen Musikliebhabers werden, der sich nicht länger dem Traktat aus Klingeltönen, DSDS oder ähnlich innovativen Erfindungen der Musikindustrie unterwerfen will. Auf jeden Fall werden es vor allem Blogs sein, die in Zukunft die Geschmäcker der Hörer aufschnappen und prägen und so ihren Teil dazu beitragen werden, dass Musik wieder dorthin zurückkehrt, wo sie hingehört: Zu den Menschen, die sie als solche schätzen.
Und vielleicht könnte Grindin so zugleich ein erfolgreiches Rollenmodell für netzaffine Klein-Unternehmer im Bereich der Medien sein: Ein Modell, das beweist, dass sich zusammen mehr bewegen lässt als allein. Oder aber man bleibt schlicht "eine Insel der Glückseligkeit", wie der Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit einst den Berliner Stadtteil Kreuzberg nannte. Nur, dass es in Kreuzberg nach Döner statt nach Zukunft duftet.
Dieser Artikel erscheint am 6. August im Freitag und ist inzwischen auch online zu lesen. Er entstand in Zusammenarbeit mit Aleks von Discodust.
mein herz für blogs schlägt stetig in meiner wohlgenährten blogroll. anstatt also hier - wie so oft - lesenswerte netzgeschichten vorzustellen, möchte ich heute auf dieperlenhinter den blogs verweisen: die bloggerinnen. inspiration zu dem text waren unter anderem die beiden panels auf der re:publica anfang april, die für mich so wenig neues hervorgebracht haben und sich vor allem nicht der frage genähert haben, warum die re:publica wie eine spielwiese des boys' club schien. ob wir eine she:publica brauchen, wie lisa von lalila sie vorschlägt? vielleicht im kleinen rahmen, ab und an. ansonsten bloggt es sich eigentlich am schönsten gemeinsam. knicken wäre vermutlich nicht knicken, hätten jan und ich das baby nicht gemeinsam groß gezogen. zudem verhält es sich mit modeblogs ähnlich wie mit frauenzeitschriften: die männer lesen sie, wenn auch zuweilen heimlich. sicher, die blogroll ist vergleichbar mit einer plattensammlung und unterliegt wie auch diese einer gewissen zensur, wenn sie öffentlich zeigen soll, wer ich nun bin. genau aus diesem grund gehören aber in jede blogroll auch die "guilty pleasures", denn jedes blog scheint für mich umgehend reizvoller, wenn dort nicht nur das verlinkt ist, was sich auf podien und in blogcharts tummelt. so würde vielleicht sogar eine erste annäherung an lisas frage offenkundig:
wieso schreiben so wenig frauen politische blogs?“ steht jetzt im raum. ich würde auch gern fragen: “wieso schreiben so wenig männer über ihre gefühle?” ich meine es ernst. ich bin ja nicht zum spaß hier.
sie lesen zumindest darüber. auch über mode, sternchen und babykotze. jetzt müssen wir ihnen nur noch beibringen, dass diese texte in form eines blogs mindestens genau so viele herzen erobern könnten, wie das "neue väter"-gebrabbel in nido. nein, mehr sogar.
aber um die männer geht es erst beim nächsten mal. heute geht es um die frauen. um die, die bloggen. zu meinem text "unter freundinnen", erschienen im freitag, geht es hier entlang.
freitag habe ich cds in mein laptop gefüttert. das habe ich schon lang nicht mehr gemacht. musikblogs haben mich verdorben, obgleich wir hier legales tun. dennoch, viele labels haben sich mittlerweile für zeit und wege sparenden distribution für samples entschieden: sie stellen gleich mp3s zur verfügung und befüllen nicht die briefkästen mit promo-cds. ein päckchen hat es mir aber besonders angetan: es enthielt das neue album von the rakes, the juan maclean, fever rayund den filthy dukes. the rakes habe ich am freitag interviewt und nach dem ich die britischen sätze von einer meiner liebsten indieband von band auf blog gebannt habe, wird dies ebenfalls hier erscheinen.
aber zunächst zu den filthy dukes. zu diesen jungs kann ich nur feststellen: shame on me, dass die cd so lange lange unberührt in meinem zimmer ruhte. ich spring auf den hype und hüpfe mit. das album "nonsense in the dark" trifft zu großen teilen meinen nerv und das gefühl des frühlings. für ein wenig mehr details und liebe zu musik verweise ich auf teresa mohrs worte vom blank-magazin an dieser stelle. für mehr musikalisches vertraut der myspace-seite der dukes oder eurer intuition beim nächsten musikeinkauf.
eines der spannensten projekte für junge kreative feiert ende der woche seine offizielle einweihung: das betahaus. in dem gebäude in der prinzessinnenstraßearbeiten schon seit wochen die ersten bewohner miteinander, nebeneinander, nacheinander. im betahaus ist eine neue form des coworking-space entstanden und macht alle anstalten gut zu wachsen und weiter zu gedeihen. raus aus der öden bürogemeinschaft, dem café mit notdürftigem w-lan, den eigenen vierwänden: das betahaus bietet raum für freiberufler, die eine neue form der arbeit und zusammenarbeit angehen wollen und ihr arbeitsumfeld mitgestalten möchten. blogger und bloggerinnen, architekten, magazinmacher, designer, fotografen, politisch aktive - das betahaus hat sie alle, und noch viele mehr. mehr informationen zum betahaus und seinen bewohnern gibt es auf website und blog.
"Wir haben Wowi und Guttenberg eingeladen und sind mal gespannt, wer von beiden kommt. Außerdem spielen Double Dynamite, Hunee und Tanzfaster."
programm:
- um 18.00 uhr gibt es eine kurze pressekonferenz - um 19.00 uhr startet die austellung auf allen etagen, powered by create.berlin. - um 22.00 uhr startet das erdgeschoss den versuch, den fünften stock zu überholen >>> party!
eintritt 4 euro. prinzessinnenstraße 19-20. berlin-kreuzberg. meet me there, and if you haven't done so: move in!
unser mann cheers chris lässt uns heute tief in seine obskuritätenkiste blicken. dieses mixtape ist ein sammelsurium funkelnder edelsteine, irgendwo zwischen disko, folk und disko. ich kann es euch nur wärmstens ans herz legen, falls ihr es nicht schon durch eure library gejagt habt. dieses zeug ist all das, wovon ein plattenkoffer träumen kann, wenn es auf die feinen töne ankommt, inklusive knistern. "achtung cosmic shit aus altenbochum, kid", sozusagen. 52 minuten lang und besser als toto in dune. meinen segen hat seine eso-disko allemal.
es ist soweit, keinemusik bringt seinen ersten release "nacktenordner" auf den markt. namentlich verantwortlich ist dafür david mayer, der mit seiner ausweistitulierung in einer linie mit den größen der deutschen technoszene steht. denn in welchem genre sonst findet man allerweltsnamen, die einen daran erinnern, dass man in hiesigen gefilden nicht lange suchen muss, um den nächsten potenziellen justus köhncke zu finden. zumindest was den namen angeht.
die ep von mayer klingt edel, ausgetüftelt und wenig aufdringlich, ohne dabei an triebkraft zu verlieren, laut promotion eben genau im rahmen der reduktionsbedingung. falls man sich darunter nicht viel vorstellen kann, mag oder will, kann ich zur aufklärung das hören des snippets nur wärmstens empfehlen. als bonus gibt es den schon einmal geposteten nina simone remix von &me.
immernoch nicht genug? heute abend gibt es die dazugehörige release party bei unseren guten freunden tanja und björn, den herzallerliebsten betreibern des picknicks. dort wird ganz offiziell die faktische labelgeburt gefeiert. und wer könnte diesem sehr starken flyer schon widerstehen? exakt.
mehr infos gibt es auf der homepage von keinemusik, auf dem myspace des picknicks oder auf dem flyer rechts. zu kaufen gibt es das ganze auf beatport. edit: snippet jetzt auch zum download.
kürzlich habe ich das erste mal erfahren, wie es ist, wenn der provider - in diesem fall google - content löscht, weil er der meinung ist, man hätte gegen geltendes copyright verstoßen. well, ich würde lügen, wenn es nicht ab und zu eine dünne linie ist, auf der man als musikblogger wandelt, allerdings grenzt es schon fast an sarkasmus, wenn man von phoenix eine dankesmail bekommt, in der 1901 zu einem der meistgebloggten nummern der letzten zeit erklärt wird, gleichzeitig aber bekannte blogs takedown notices für eben diesen song bekommen (was bei uns übrigens nicht der fall war). aha.
jetzt also little boots. gepostet wurden der clap mike und der fred falke remix der kommenden single, mit erlaubnis des managements. google löscht im endeffekt wortlos und mit vorgedruckter takedown notice und hinweis darauf, dass der account bei weiteren vergehen gelöscht werden würde. ich will mich hier nicht als unschuldslamm titulieren, jedoch ist es so, dass ich gerade als deutscher (mit rechtsstaatparanoia) blogger darauf achte, keinen content online zu stellen, bei dem davon auszugehen ist, dass man mit labels, künstlern oder der plattenindustrie in konflikt gerät. und das geht eben am besten mit abgesegneten mp3s.
jetzt ist es nur offensichtlich so, dass mit fortschreitender bemusterung von blogs - ja, auch bei den labels scheint dieses vermeintliche meinungsmedium offensichtlich langsam gehör zu finden - die eine hand nicht mehr zu wissen scheint, was die andere tut. die einen wollen mit 9 jahren verspätung ins neue millenium, die anderen agieren frei nach dem motto "save the polycarbonate". sagt der künstler go, kann immernoch das label nein sagen. sagt das label go, ist die vertretung des dmca vielleicht doch noch übereifrig und google fügt sich (gezwungenermaßen).
das problem daran ist, dass man sich als promomaschine einspannen lässt - das auch gerne, wenn man denn dahinter steht - aber bei etlichen instanzen und vermeintlichen rechteinhabern (reblogging, remixing) nicht weiss, wer am ende die zeche zahlen wird. im zweifelsfall man selbst. vor allem eben, wenn man sich nicht mal mehr auf zusagen berufen kann.
das ist schade, weil es wieder einmal futter für die überzeugung liefert, dass das "establishment" nur schleppend zu begreifen scheint, worum es beim bloggen von musik geht. nämlich (zumindest hier) nicht darum, den künstler um seine wohlverdienten tantiemen zu bringen, sondern viel mehr darum, seinen marktwert/ansehen/bekanntheitsgrad zu steigern und seiner leserschaft etwas mit auf den weg zu geben. diese denke scheint aber nur teilweise in die für promo verantwortlichen organe einzug gehalten zu haben.
daraus resultiert ein gewisses maß an unsicherheit, verwirrung und angst. um den blog und um seinen status als gesetzestreuer bürger. vor allem, wenn es die betreffende stelle nicht mal für nötig hält, eine email zu schreiben, sondern gleich mit kanonen auf spatzen schießt. und das, als ich annahm, dieses "epische duell" zwischen industrie und hörer würde sich langsam aber sicher dem ende zuneigen. what's next?
Quentin Dupieux ist die Art Künstler, an dem sich die Geister scheiden. Für die einen ist er der Genius, der Ed Banger, dem Label, das seit ca. einem Jahr selbst in den iTunes-Bibliotheken hiesiger Indiemädchen überproportional häufig vertreten ist, fehlte. Wieder andere halten ihn für ein begnadeten Generalisten, der sich an Film und Kunst versucht, dessen Werke fernab der Musik aber bis dato bestenfalls als Achtungserfolge wahrgenommen wurden. Das Gros der Ottonormalverbraucher wird jedoch bei seinem Alias Mr. Oizo vor allem an eine Puppe denken.
Noch knapp 10 Jahre nach seinem durchschlagenden Erfolg mit „Flat Eric“, dem neurotisch zuckenden, gelben Etwas, das uns Faltenhosen schmackhaft machen wollte, kämpft Dupieux seinen Kampf gegen Windmühlen. Dass sich seine neue Platte „Lambs Anger“ jetzt mit einer Referenz an den „Andalusischen Hund“, einen in 1928 erschienen Stummfilm von Luis Buñuel und Salvador Dali, der vor allem Surrealisten und Freudianer auf den Plan rief, schmückt, ist kaum verwunderlich. Dupieuxs Umgang mit der eigenen Person, Umfeld und Geschichte wirkt eigenwillig, bisweilen exzentrisch. In jedem Falle aber gewinnt man den Eindruck, es mit einem Menschen zu tun zu haben, der ein gespaltenes Verhältnis zu sich, seinen Erfolgen und Niederlagen, sowie den Mechanismen des Marktes hat, dem er versucht, seine Kunst näher zu bringen.
Beim Interview selbst wirkt der Franzose angespannt, manchmal flapsig, jedoch immer wach und darauf bedacht, klarzustellen, dass er es sein will, der seine Geschichte schreibt. Ein Unterfangen das mitunter schwierig sein könnte, bedenkt man, dass gleich seine erste Single einen stattlichen Stempel im Gedächtnis der Mediengesellschaft hinterlassen hat.
Dein neues Album ist gerade erschienen. Das Artwork, eine Referenz an Buñuels bzw. Dalis „Andalusischen Hund“, fällt dabei wortwörtlich ins Auge. Es entsteht der Eindruck, du würdest dich auf tragische Weise von deinem Alter Ego „Flat Eric“ verabschieden.
O: Nein, dabei handelt es sich in erster Linie um eine Ehrerbietung an Buñuel und Dali und deren großartigen Kurzfilm. Ich finde es aber unterhaltsam, dass sich alle darüber den Kopf zerbrechen. Es ist witzig zu sehen, dass sich Jugendliche im Internet darüber unterhalten und herausfinden, dass es sich dabei um den „Andalusischen Hund“ handelt. Ein Stück weit möchte ich damit auch das Interesse an Kunst fernab des Mainstreams wecken, so kann man den Jüngeren ein bisschen was mit auf den Weg geben. Etwas zum Nachdenken, Kultur.
„Flat Eric“ lebt also weiter. Damals allerdings hast du im Affekt ein Album veröffentlicht mit dem die meisten Hörer nicht viel anfangen konnten.
O: Ja, es war definitiv eine Antwort auf den Erfolg, weil ich der Überzeugung war, dass dieser für das, was es war, ein paar Nummer zu groß ausgefallen ist. Es war schließlich ein einfacher Beat, den ich für einen Werbeclip mehr oder weniger hingerotzt habe.
Also wolltest du die Leute überrumpeln?
O: Ja, es war eine art Teenagerebellion. Ich wollte allen sagen „Fuck off! Ich bin mehr als das, ich kann auch etwas Härteres, Kreativeres machen“. Es war sozusagen eine Trotzreaktion auf den Erfolg.
Danach hast du eine ganze Weile nichts mehr veröffentlicht. Vieles von dem, was du in der Zwischenzeit angefangen, aber nie beendet hast, hast du als „Scheiße“ bezeichnet. Das klingt ein wenig nach Quarterlife-Crisis.
O: Nein, ich bin immer glücklich mit „Flat Eric“ und dem Drumherum gewesen, aber offensichtlich kam das alles viel zu früh. Ich war gerade erst dabei anzufangen, Musik zu machen, hatte keine Erfahrung. Der Erfolg war mir dann einfach zu groß und schien nicht angemessen für ein eher lapidares Stück Musik. Das hat mich retrospektiv definitiv blockiert und mich daran gehindert, etwas Neues zu machen.
Eigentlich verstehst du dich ja auch mehr als Filmer denn Musiker, richtig?
O: Ich habe angefangen Filme zu machen, als ich vielleicht 12 war. Hauptsächlich Kurzfilme. Als kleines Kind war ich besessen vom „Texas Kettensägen Massaker“, also hab ich versucht, solche Sachen im Garten meiner Eltern nachzustellen, irgendwo in einem Pariser Vorort. Mit 20 wollte ich dann mehr in die Comedy-Ecke. Das ist aber alles immer ein bisschen dunkler gewesen, als man es vielleicht bei Comedy erwarten würde, schwierig zu beschreiben. Mit Musik hab ich eigentlich nur angefangen, um sie über meine Kurzfilme zu legen. Da war ich vielleicht 18. Tanzmusik wurde das erst, als ich Laurent Garnier kennen gelernt habe, der mich dazu animierte ein bisschen Blödelmusik zu machen. In erster Linie verstehe ich mich aber weiterhin als Filmemacher, richtig. Die Musik ist nur spaßiges Beiwerk.
Du arbeitest jetzt nur noch digital, wann und warum hast du damit angefangen?
O: Vor 5 Jahren. Anfangs habe ich allerdings noch versucht, das alte Zeug an meinen Rechner anzuschließen. Ich habe eine ganze Batterie an Equipment, die sich über die Jahre angestaut hat. Es war eine wahre Obsession, immer neues auszuprobieren und zu kaufen. Dementsprechend ist z.B. „Moustache“ in einer Halbwelt aus Computern und analogem Equipment entstanden. Inzwischen bin ich aber komplett auf Computer umgestiegen, weil ich denke, dass man damit besser arbeiten kann.
Das lässt sich auch gut raushören, „Analog Worms Attack“ klang noch wesentlich organischer als deine letzten beiden Werke.
O: Ja, „Analog Worms Attack“ wurde z.B. noch auf Tape aufgenommen. Aber ich denke, es ist inzwischen kein Problem, mit der heutigen Technik diesen Effekt zu reproduzieren. Zumindest wenn man sich schlau genug anstellt.
Auf „Moustache“ lässt sich auch erkennen, dass du moderner Tanzmusik etwas mehr Respekt zollst, wenn man es mit dem noch sehr experimentellen, konzeptuellen „Analog Worms Attack“ vergleicht.
O: Ich kann nur sagen, dass ich mit dem zweiten Album so lange warten musste, bis ein wirklich neuer Antrieb da war. Zwei mal das gleiche Album aufzunehmen wäre langweilig gewesen. Deswegen sind die drei Alben auch so unterschiedlich, denke ich. Jedes Mal steckte eine völlig andere Energie hinter dem Ganzen.
Woher kam damals dieser Antrieb, woher die Muße?
O: Vor allem aus den Möglichkeiten, die mir mein Computer bot. Ich war besessen davon, auszuloten, was mir diese digitale Welt zu bieten hatte, all die verrückten Dinge, die man aus den Plugins quetschen konnte. Es klingt für mich selbst etwas komisch, wenn ich das sage, aber im Endeffekt war es wirklich mein Computer, der mich inspirierte, diese Platte aufzunehmen, mit der ich im übrigen heute noch sehr zufrieden bin.
Die neue Platte klingt sehr modern und glatter, verströmt den heutigen Zeitgeist französischer Elektronik, auch wenn sie immer noch sehr dicht gestrickt und voller Ideen ist.
O: Die Idee ist immer noch das Wichtigste, wenn es darum geht, etwas Kreatives zu tun. Welches Werkzeug du dann genau benutzt, welchen Computer, welchen Synthesizer, welche Software oder ganz allgemein, welchen Weg du wählst, sie zu verwirklichen, ist eigentlich egal. Bei „Lambs Anger“ war z.B. die Idee Affenmusik zu machen.
Affenmusik?
O: Ja, die Platte wurde aufgenommen, ohne viel nachzudenken. Alles sollte sehr schnell gehen. Jeder Track wurde vielleicht in 2 bis 3 stunden, maximal aber einem Tag aufgenommen. Auf keinen Fall mehr.
2 Stunden sind vergleichsweise wenig. Man erzählt sich auch, dass du dir für Remixe nicht viel mehr Zeit nimmst.
O: Nun, ich denke wirklich, dass ich ein spezieller Künstler bin. Meine Person, mein Name ist wesentlich wichtiger als die Musik, wenn es um einen Remix geht. Vielleicht liege ich damit falsch, aber so nehme ich mich selbst wahr. Allerdings muss ich auch sagen, dass ich schon eine Weile darüber nachdenke, bevor ich etwas in 2 stunden aufnehme. Dass es dann am Ende 2 Stunden sind, ist unwichtig. Es ist viel wichtiger, immer wach und aufmerksam zu sein.
Du bist jetzt auf Ed Banger, zusammen mit Justice, SebastiAn oder Uffie, deren neues Album du auch produzierst. Inwiefern hat dich bei dieser Art und Weise zu arbeiten auch dein neues Umfeld beeinflusst?
O: Eigentlich gar nicht. Ich meine klar, wenn ich auflege, spiele ich natürlich auch ihre Platten, aber für daheim ist das nichts. Manchmal gibt mir SebastiAn einen neuen Track und ich höre ihn das erste Mal, wenn ich ihn im Klub spiele. Wenn ich mir das Zeug auch noch zuhause anhören würde, wäre ich depressiv.
Warum?
O: Weil es zu laut und zu dumm ist. Ich kann verstehen, dass es sehr jungen Leuten gut gefällt, weil sie damit ihre Eltern vergraulen können, aber Musik für meine Anlage ist es auf keinen Fall.
Ist dir das nicht kreativ genug?
O: Doch, doch, es ist schon kreativ, aber es wiederholt sich ständig. Wenn du die ersten 20 Sekunden gehört hast, weißt du, wie es die nächsten paar Minuten weiter geht.
Deine Stücke sind immer relativ kurz und dicht gehalten. Um die zu spielen müsste man sich eigentlich Edits basteln.
O: Ja, genau, darum ging es mir. Ich wollte Tracks voller Kleinigkeiten machen. Die Leute picken sich eh die Teile raus, die sie mögen und basteln sich daraus etwas Eigenes. Das ist seit „Moustache“ Konzept.
Hast du selbst mal darüber nachgedacht, mit Ableton Live oder ähnlichen Tools aufzulegen, um dem ganzen einen kreativeren Touch zu geben, einen, der deine Einstellung etwas besser widerspiegelt?
O: Nein, ich bin CD-DJ. Es kümmert mich nicht wirklich, was die Leute denken, weil die meisten eh nur kommen, um mich zu sehen. Ich muss diesen Teil meiner Arbeit nicht ernster nehmen als irgend notwendig.
Also geht es primär darum, Geld zu verdienen?
O: In gewisser Weise schon. Auf der anderen Seite trifft man natürlich auch Leute und kann seine Musik promoten. Vor 10 Jahren hätte ich auch nicht aufgelegt, weil jeder nur auf Technik schielte. Die hatte ich nicht. Damals hätte man mich wegen jedem Übergang verurteilt, heute interessiert das niemanden mehr. Im Grunde genommen spiel ich aber auch einfach genau dasselbe wie all die anderen auf Ed Banger.
Ed Banger ist heutzutage ein gewichtiger Bestandteil moderner, lauter Klubkultur, während dein voriges Label FCom immer etwas klassischer, stilbedachter wirkte. Wie nimmst du dich im Kontext dieser beiden Labels wahr?
O: Auf FCom war ich einer von vielen Musikern, habe aber eine besondere Stellung eingenommen. Ich war das schwarze Schaf, das anders war als der Rest des Labelrepertoires. Laurent Garnier hat mich damals unter Vertrag genommen, ohne genau zu wissen, was ich überhaupt mache. Beim zweiten Album konnte er sich auch nicht mehr wirklich begeistern. Es fehlte der Enthusiasmus, den ich als Künstler gebraucht hätte. Ich denke, das ist auch, warum es nicht mehr wirklich funktioniert hat. Bei Pedro Winter (Chef von Ed Banger) ist das anders, auch wenn wir sehr verschiedene Vorstellungen von Musik haben, hat er eine sehr einfache Art Enthusiasmus auszudrücken, die mir zusagt. Dort fühle ich mich diesbezüglich besser aufgehoben. So oder so, ein Label ist wichtig für die Distribution meiner Musik, und das funktioniert bei Ed Banger ganz gut.
Was du über das Label zu sagen hast, klingt sehr moderat und abgeklärt. Gibt es auch Kollegen, denen du dich nahe fühlst?
O: Es gibt schon Leute, die ich mag. SebastiAn z.B., der mir auch beim Soundtrack für „Steak“ geholfen hat, ist jemand, den ich schätze. Aber das hat jetzt nichts mit seiner Musik zu tun. Die ist natürlich auch gut, aber eben nicht immer nach meinem Gusto. Er ist auch noch sehr jung, hat auch definitiv großes Talent. Musik machen ist für mich aber auch eine Sache des Geistes, worüber man nachdenkt, wofür man sich interessiert, im weitesten Sinne eine besondere Kreativität. Heutzutage ist es sehr einfach gute, beeindruckende Musik zu machen, wenn man Piano spielen kann. Nimmt man z.B. Aphex Twin, dann hat man immer das Gefühl, das hinter seiner Musik etwas Geniales steckt, etwas Mysteriöses. Ed Banger Stuff dagegen ist sehr auf Spaß und Unterhaltung bedacht. Alles muss laut und aufregend sein, was ohne Zweifel seine Daseinsberechtigung hat, mir fehlt allerdings manchmal der Geist dahinter.
Das klingt ein bisschen so, als könnte das Auflegen dann für dich manchmal sehr schwierig sein.
O: Es kommt vor, dass es total deprimierend ist, aber, wie gesagt, es ist Teil meines Jobs, leicht verdientes Geld und gute Werbung. Schließlich hab ich eine Platte zu vermarkten.
Du bist zweifelsohne auch Teil einer regen französischen Szene, die von Daft Punk, Alan Braxe, Fred Falke in den 90ern bis zu neueren Acts, die jetzt auf Kitsuné, Institubes oder eben bei Ed Banger veröffentlichen, reicht. Was denkst du, wie sich das noch weiter entwickeln wird?
O: Dafür interessiere ich mich eigentlich nicht wirklich. Es gibt genug Menschen, die mich bis heute für einen Engländer halten, insofern hab ich auch nie wirklich etwas mit dieser French Connection anfangen können. Vielleicht handelt es sich dabei einfach eine Modeerscheinung, die in 6 Monaten schon wieder vorbei ist. Das wäre dann aber zumindest für mich auch nicht wirklich relevant.
Nun lässt sich aber nicht daran rütteln, dass zumindest der Spirit, sei es in Reinform oder als Inspiration für Genres wie New Rave, Einzug in die Clubs gehalten hat.
O: Ja, das stimmt natürlich. Vielleicht passen Franzosen mit ihrer Art einfach ganz gut in die neue, musikalische Spaßgesellschaft. Vor vielleicht 5 Jahren war Clubmusik noch sehr langweilig, heute hingegen kommt es ein bisschen weniger auf das Können der DJs und mehr auf die gute Auswahl an. Das kommt poppiger, spaßiger Musik sehr entgegen.
Du vertrittst durchaus Thesen, mit denen man anecken könnte. Welchen Einfluss haben die alten und neuen Medien, z.B. Blogs und eZines, auf dich? Ist dir dein Bild in der Öffentlichkeit wichtig?
O: Nein, ich hab in erster Linie Interesse an meinem eigenen Blickwinkel. Ob jemandem meine Musik, meine Filme oder mein Leben gefällt, ist mir egal. Das hat absolut keinen Einfluss auf mich und meine Arbeit. Womit ich nicht sagen will, dass ich mir nicht anschaue, was über mich geschrieben wird. Manches ist gut, manches ist schlecht, aber am langen Ende ist es mir eben doch egal.
Apropos, dein letzter Film „Steak“ wird jetzt – fernab dessen, womit man gerechnet hätte – in Russland veröffentlicht. Wie kam es dazu?
O: Mein Produzent hat sich nie groß für den Film interessiert, er ist ja auch gefloppt. Warum er jetzt ausgerechnet in Russland erscheint, weiß ich nicht. Auf der anderen Seite ist es auch nicht mehr wichtig, weil „Steak“ für mich vorbei ist. Ich wende mich jetzt anderen Dingen zu.
Die da wären?
O: Ich werde einen Film („Realité“) machen, neue Musik einspielen. Alles so wie immer, bei mir wird sich nicht viel ändern.
Fin.
Das Interview wurde ursprünglich für die De-Bug geführt und ist in Ausgabe 128 oder online hier nachzulesen. Weiterführendes zu Mr. Oizo findet ihr hier. Die Fotos sind Flickrfundstücke, merzi dafür. Diesmal ohne Kleinschreibung, da mir der Aufwand nicht gerechtfertigt erschien. Man möge es mir verzeihen.
neues von keinemusik, dem frischen berliner label, auf dessen explosion man immer ein auge haben sollte. aber bevor es zur plötzlichen volumenausdehnung kommt, gibt es noch ordentlich bbq und senf im bart. aber keine panik, es wird. heute gibt es ein bisschen was episches von &me für zuhaus und ein bisschen was poppiges von rampa für streaming only. das eine ist geschmeidige veredlung eines nina simone klassikers, das andere ist berliner schnauze. beides charmant, ohne zweifel. ein bisschen wie grace jones am hühnerhaus. und ich herze große chickens.
mehr von keinemusik und dem ganzen drumherum findet ihr auf dem blog der klikke, das nike video von und mit rampa hier, alles zur nächsten keinemusikveranstaltung hier. zu kaufen gibt es einiges auf beatport.
tony carrascos liste von produktionen ist schier endlos. he was there. sozusagen. und dieses wochenende haben ihn die jungs von mirage, den sameheads und das drehmoment in die scala gebracht, damit er seiner authentischen bringschuld abbitte leisten und den realen discoscheiss abliefern kann. mit sprühsahne und so.
als kleinen vorgeschmack gibt es hier zwei seiner alten hits, die in sachen monotonie und zielorientierung ihrer zeit sicherlich mindestens eine nasenlänge vorraus waren. jeweils aus dem jahre 1982, produziert für die gruppe klein & m.b.o., deren fester bestandteil tony ein paar jahre war. vorzeitlicher techy disco house. mir ist allerdings nicht ganz klar, wie das jemand damals ansatzweise hätte verstehen sollen.
das ganze findet diesen samstag im alten kino in der friedrichstraße 112a statt. knicken verlost aus gegebenem anlass 3x2 gästelistenplätze. falls ihr dabei sein wollt, schreibt eine mail mit dem betreff cosmic an knickenberlin@googlemail.com und schreibt noch irgendetwas nettes über dinge. wir entscheiden dann willkürlich, also fair.
mehr informationen findet ihr bei coop und per klick auf den flyer rechts. fotos gibt es dann später auf dem brandneuen scala blog. zu kaufen gibt es klein & m.b.o. hier oder hier. als kleine randnotiz gibt es auch diesen freitag schon metronomy in der scala. ist einen besuch wert, wenn man es poppig mag.
es ist der skandal, das gesprächsthema in der deutschen, weiblich dominierten mode-blogosphäre. von blasphemie, hybris und anmaßung ist die rede. bis aufs blut werden alte fehden aufgekocht und neue beschworen. es geht ans eingemachte, kein auge darf trocken bleiben, jeder muss stellung beziehen, mit oder gegen uns, für oder wider.
alles schnickschnack. in erster linie handelt es sich hier um ganz große unterhaltung. denn, wie könnte es anders sein, es geht um schuhe. von da aus ist es bekanntlich nicht mehr weit bis zur weiblichen psyche. und was diese kitzelt, kann man in seiner ganzen anmut, also dem teil, den wir männer immer übersehen (wollen, müssen), hier und hier nachlesen. ein trauerspiel in vier akten, in dem es vor neid, missgunst, übersteigertem selbstbezug und geschmacklosigkeiten nur so wimmelt. ich empfehle jedem geneigten toiletten-, wartezimmer- oder galaleser die lektüre. ein fest, ohne gehalt zwar, aber mit unterhaltungswert. siehe lektion eins.
aber worum geht es eigentlich? ganz ehrlich, ich weiss es nicht genau, bewusst. hinter den vorhängen wohl um zwei blogs, deren betreiberinnen sich nicht mögen. vordergründig geht es um positionierungen: der eine kommerziell, der andere nicht. der eine elite, der andere mauerblümchen. der eine mit, der andere ohne geschmack. der eine mit zensur, der andere mit vogtschem biss, und so weiter. die liste ist endlos, und je nachdem auf welcher seite man steht, findet man das entsprechende antonym eben schlecht. so einfach ist tennis.
es hat schon immer spaß gemacht, im trüben zu fischen. und davon ist hier reichlich vorhanden, denn jeder hat ja eine meinung, einen standpunkt und eine klikke. nur irgendwie nicht so richtig. alles kein problem, jeder stammtisch ist nicht anders, aber "...jetzt kommt der punkt, an dem alles kippt, finde ich." jetzt kommen hormone ins spiel, gefühlte wahrheiten und dissoziative wahrnehmungen. der perfekte nährboden, für probleme, die es noch zu erfinden gilt. wer es bis hier hin geschafft hat, der hat es nicht mehr weit bis zu den kapriolen, die einen das leben vermeintlich schlagen lässt.
es ist für einen aussenstehenden wie mich einfach schwer, das allzu ernst zu nehmen, das alles nicht unter "ewig schwelendem zickenkrieg" zu subsumieren, der ständig und immer tobt, depression und hysterie auslöst und im schlimmsten fall meinen fix reservierten samstagnachmittag bedroht. alles schon gesehen bzw. gehört: auf mädchencouchen, in cafes, der kneipe, der uni, dem bett oder der diskothek. das ist selten neues, selten gewichtiges und noch seltener fundiert. und gott bewahre, selten dauerhaft.
die stunden, die man als zuhörer und analyst solcher ergüsse verbringt, sind trotzdem so end- wie sinnlos, gleichzeitig aber lehrreich und unterhaltsam. moment? das ist kein widerspruch, denn hier geht es um die königsdisziplin, das verstehen der weiblichen psyche. lektion eins: es ist alles erlaubt.
und so ist es eben auch hier erlaubt, aus einer mücke, zugegebenermaßen zweifelhaftem schuhwerk, einen elefanten, mehrere artikel mit gefühlten 8000 kommentaren, zu machen. nur beschweren sollte man sich nicht, wenn gelacht wird. denn auch wenn es einige kaum mehr zu glauben wagen, lachen ist nicht nur futter für die profilneurose. in erster linie ist es gesund.
die beiden angesprochenen artikel findet ihr hier und hier. vornehmlich geht es um die blogs les mads und next to you.
bilanzen und eine kritische rückschau mögen in der finanzwirtschaft ihre berechtigung haben, und sollten sicherlich rigoros getroffen werden, wenn im nächsten jahr aus all unseren fähigen volksvertretern eine neue bundesregierung zusammengewürfelt wird. vor allen dingen sollte der blick auf den wahlzettel aber vorausschauend und mutig geworfen werden. den alten zeiten hinterhertrauern ist für und und unsere kandidaten das falsche rezept. wie viele andere stimmen den öffentlichen lebens klagen diese immer noch darüber, dass die zeiten sicherer koalitionsbildung vorbei sind, anstatt sich den herausforderungen des wandels im parteiensystem zu stellen. die cleavage-theorie greift auch 2009 maximal für eine annäherung an angela merkels modischen gehversuche zu den wagner festspielen oder dem bundespresseball.
die park avenue wird sich nicht mehr darüber wundern, die vanity fair in gewohnt dilettantischer weise. doch was kommt? bei knicken schauen wird nach vorne; schaut euch gerne die jahrescharts an anderer stelle an. über die tag cloud könnt ihr euch zudem einfach durch all das, was schön und mit einem funken popkultureller relevanz versehen war, schnell navigieren. der winter plätschert weiter; die lackleggins halten die mädchenbeine warm, aber auch im angesicht dieser ästhetischen grausamkeit darf die verliebtheit der kalten jahrestage ähnlich heftig klopfen wie im dritten frühling. das war auch wohl der eine grund, warum es bei knicken in den letzten wochen etwas ruhiger verlief. die anderen liegen in der flut exzellenter musik, die noch zum jahresende an die oberfläche trieb, und die friedliche und fruchtbare koexistenz von web- und printmedien. zwei musikalische auswüchse von gefühlt bedeutsamen rang und ein mediales schätzchen habe ich heute ausgewählt, auf deren schultern ich ins neue jahr blicken möchte. zum einen wäre da die school of seven bells die mein herz von brooklyn aus erobert hat und deren vorstellung ich mit einem interview bei lost at e minor beschließen möchte. ihr album alpinisms gehört so fest zu knickens musikalischem winter-repertoire wie die kirche ins dorf.
auch deutsche klänge melden sich im januar zurück. die berliner band klez.e hat in den vergangenen monaten ein album aufgenommen, das an bombast kaum zu überbieten ist. ein 20köpfiges orchester und 40 sängerinnen und sänger unterstützten die band bei ihrer platte 'vom feuer der gaben', die mit ihrer veröffentlichung am 30. januar 2009 einen maßstab im deutschen indie setzen wird, dem die branche für einige zeit hinterherhecheln dürfte. die erste single-auskopplung 'wir ziehen die zeit' erscheint bereits am 2. januar bei loob musik. ich habe als prelistening 'madonna' für euch ausgewählt. zudem empfehle ich euch ein von robert stadtlober hervorragend geschriebenes portrait über sänger tobias siebert, zu finden an dieser stelle.
klez.e - madonna
aber nun zu den schriftstücken: print ist tot, studivz sowieso und an blogs glaubt deutschland auch nicht. so weit, so gut. ich habe knicken die letzten monate nicht besonders gehegt, mein modischer mädchenblog flannel apparel könnte auch besser im futter sein, doch das alles hat einen grund. ich habe in den letzten monaten bei der wochenzeitung freitag an deren neuem erscheinungsbild gefeilt. anfang februar ist es soweit. die website, die zur zeit noch mittelalterlich anmutet wird in etwa einem monat einem onlineauftritt weichen, der vielleicht den zeitgeist der so genannten web 2.0-generation trifft, ohne dabei inhalte zu vernachlässigen. wer eine wirkliche alternative zu der qualität der deutschen printmedien im netz sucht, wen das zum boulevard verkommende spiegel-online erschaudern lässt, wer ein medium sucht, das das netz nicht als untergang der abendländischen kultur verschreit, wer lechzt nach neuen und frechen ideen, sollte den freitag im auge behalten. mein engagement beim freitag zeigt außerdem, dass die investition von liebe und zeit in ein kleines weblog - sei es nun zu musik, mode oder mädchenkram - mehr wert sein kann als praktikum nach praktikum in großen medienhäusern oder die freie journalistische tätigkeit für die lokalzeitung in der heimat. wer knicken liest, wusste das im zweifelsfalle schon, doch vielleicht ist es an dieser stelle noch einmal zeit dafür jan dafür zu herzen, dass er mich ins kalte und unbekannte wasser des bloggens schmiss, und ich irgendwann wieder wusste, dass ich zu recht irgendetwas mit medien studiere, auch wenn ich all mein rüstzeug für das leben in diesem dschungel abseits der uni erworben habe. eine weitere ausführung und liebeserklärung ans bloggen findet ihr hier.
die jungs und mädels von keinemusik halten zusammen, und wenn sie das weiter tun, werden sie frei nach einer hanseatischen indieband mehr sein als ein bloßes konglomerat von hippen djs, bookern und nachtfaltern. aber fernab süßer zukunftsmusik wird zunächst einmal im jetzt gequakt, speziell diesen samstag im alterwürdigen golden gate. mit von der partie diesmal till von sein, adam port, eddy constantin und david meyer. als rohkost hier vorab zwei der letzten mixtapes aus obigem hause.
viel vergnügen und eine ebensolche menge freude am samstag! mehr informationen findet ihr auf keinemusik.com. ps.: rampa und keinemusik gibt es schon einen tag früher in der villa (heute, mit david e. sugar, shadow dancer & co).
knicken bekommt dieses wochenende eine portion greenwashing ab, denn ich blogge von der 28. bundesdelegiertenkonferenz der grünen. dem kurztrip nach erfurt habe ich sogar das fantreffen der bösen onkelz geopfert, dass morgen in berlin stattfindet aber auch so von kollegen vom f***magazin beäugt werden wird. meine beiträge die inmitten gängiger klischees, viel kaffee und einer flut von redebeiträgen entstehen findet ihr bei meinem mädels-blog flannel apparel. vom virtuellen raum in die messehallen erfurt haben es auch geschafft: jens vom pottblog, lukas von coffee & tv, regine sowie ekrem vom jurblog.
the beat goes on! gewinn das kalendarium toter musiker 2009!
die unter uns, die sich nicht von sascha lobos und kathrin passigs buchtitel davon haben überzeugen lassen, durch prokrastination zum kronprinzen oder it girl der web 2.0-avantgarde aufsteigen zu können, um damit ruhm, reichtum und ritterschlag zu ernten, mag sich verleitet fühlen, bereits jetzt eine mehr oder weniger bedeutsame deadline, die in der ersten januartagen nach der komatösen auf sylvester folgenden schlummerphase folgt, mit geschwungenen buchstaben in einem kleinen schwarzen buch zu verewigen. es mag zwar überraschen, doch auch die menschen, die ohne zweifel zumindest so progressives mediennutzungsverhalten für sich verzeichnen können, dass sie hin und wieder einen blick in diesen blog werfen, haben sich bislang nicht von der eigenart lösen können, ihre termine, candle light dinner-dates und wichtige telefonnummern auf papier mit sich herumtragen zu wollen, obgleich sie öfter neben ihrem macbook, als neben einem ruhig atmenden partner einschlafen.
für die liebhaber des taschenkalenders haben wir noch bevor die endziffer des jahres zur neun wird eine musikaffine variante mit dem richtigen schuss schwarzen humor ausfindig gemacht: wir verlosen drei mal das the beat goes on - kalendarium toter musiker 2009. der detailreiche kalender von edition obsevatör ist beim kreuzberger onkel & onkel verlag erschienen und auch über dessen website zu beziehen. über 700 todestage, -umstände und -anekdoten sowie das makabre 'death of the week'-feature hält das büchlein bereit. daneben bietet der treue begleiter ausreichend platz für eure eigenen notizen und termine. auch über eine statistik verfügt der kalender: ihr ist unter anderem zu entnehmen, dass 175 künstler in folge eines krebsleiden verstarben, lediglich aber nur vier durch den sprung von brücke oder hotel, drei in einem verunglückten tourbus und sich ebenso viele autoerotisch strangulierten.
wer im jahr 2009 seine lebensplanung in diesem kalender festhalten möchte und dabei täglich ein wenig musikgeschichte konsumieren will, schreibt uns bis montagabend (17.11.2008) eine mail mit dem qualifizierenden grund an unsere email-adresse knickenberlin [ät] googlemail [punkt] com. drei dieser feinen kleinen werke bringen wir an die frau oder den mann. wer es schneller mag, seine fünf brüder versorgen muss oder bereits jetzt auf jagd nach weihnachtsgeschenken geht, bekommt 'the beat goes on' auch bei onkel & onkel direkt in kreuzberg in der oranienstraße 195, über ihre website oder hier. mehr informationen zum kalender gibt es zudem auf der seite der macher.
also: mail an knickenberlin [ät] googlemail [punkt] com und das kalendarium toter musiker gewinnen!
es ist eine weile her, dass wir die outrunners, beherbergt auf valerie, interviewt haben. seitdem ist eine menge passiert, neue bünde, kollaborationen geschlossen, andere wege beschritten worden. jetzt veröffentlichen die 2 französischen westküstler ihre neue ep namens "these girls are dressed to kill". im übrigen thematisch nicht meinem wg-leben entlehnt, auch wenn man dies auf die eine oder andere art und weise durchaus in betracht ziehen könnte.
unter fleissiger mithilfe von russ chimes, einem blogphenomena, das schon beinahe in vergessenheit gerieht, und livyo pluckern die 3 auf der ep enthaltenen diskomusiken so vor sich hin, wobei das original mit seiner minimaleren, dumpfen ästhetik wohl eher dem entspricht, was man von valerie (cherie!) gewöhnt ist. laser. vorab hier 2 der 3 tracks, die es ab november 2008 im handel geben wird. 120 bpm jumpstyle.