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3/09/2010

liebe ist für alle da

credits for all pictures: bryan schutmaat - western frieze

Meine erste Hochzeit begab sich im Garten meiner Eltern. Eine Gardine aus der Karnevalskiste verschleierte die kleine Braut. Zwei Wochen später wurde ich eingeschult. Mein zweiter Eheschluss folgte mit 23 und war durchaus ernster, obgleich ohne Brautkleid, ohne Pfarrer, und ohne Gäste. Ein Klick und der Ring saß am Finger. Ich stellte meinen Beziehungsstatus in meinem StudiVZ-Profil auf verheiratet. Der Überfluss an Oxytocin in meinen Adern ließ mich glauben, dieses Mal sei es für immer. Aber noch mehr schwingt mit als ein impulsiver Glücksmoment, wenn junge Menschen in sozialen Netzwerken ihrer Beziehung virtuell Gewicht verleihen. Die Preisgabe im Internet, ob der Herr oder die Dame Single, in einer Beziehung, verheiratet oder geschieden sind, ist Selbstdefinition, dient der schmerzlosen Kommunikation und ist nicht zuletzt ein Status, sondern oftmals Statussymbol.

„Du hast geheiratet?“ Natürlich hatte ich das nicht. Auch die Umstellung des Status von vergeben auf Single muss im Netz nicht bedeuten, dass die Beziehung am Ende ist. Zu den schier unbegrenzten Möglichkeiten sich im Social Web ein eigenes Ich nach Maß zu stricken, tritt die Möglichkeit Beziehungen neu zu definieren und mit vertrauten Menschen zu kommunizieren.

Den roten Teppich für die Bekenntnis zum Liebeslebenswandel haben die sozialen Netzwerke selbst ausgerollt. Obgleich die von jungen Menschen genutzten Netzwerkangebote nicht explizit der Partnersuche dienen, sonder zunächst auf den Wunsch zurückgehen, sich in den schon existierenden Freundeskreis nun auch im Web einzureihen, enthält das Formular zur Selbstdarstellung stets die Möglichkeit, etwas über die sexuelle Orientierung und den Fortschritt auf dem Weg zum Hafen der Ehe anzugeben. Die Nutzer haben die Formularvorgabe schnell von dem spröden Charme der Steuererklärung und Auskunft über die Paarungsbereitschaft befreit und sich zu eigen gemacht. Die Angaben zu Beziehungen sind für statistische Erhebungen uninteressant, da sie im Netz in vielen Fällen eine andere Sprache sprechen. Das Vorhandensein eines Partners auf einer Profilseite mag nur Schutz vor ungewollten Anfragen sein. Bei Facebook heiraten die besten Freundinnen einander, als Ausdruck starker Freundschaft, aus Sorge um das leere Feld. Was wir im Netz über Zwischenmenschliches berichten und wie wir mit Partnern kommunizieren, eröffnet ein neues Feld für die Beziehungs- und Kommunikationsforschung.


Eine breit akzeptierte Umgangsform mit dem Beziehungsleben hat sich in sozialen Netzwerken noch nicht etabliert. Schon die Haltungen gegenüber der Eintrittsfrage: „Äußere ich mich dazu, ob und in welcher Art von Beziehung ich lebe?“, wird völlig unterschiedlich bewertet. Für wen eine intim gelebte Partnerschaft von hoher Wichtigkeit ist und diese sich im kleinen Kreis zweier Menschen bewegen soll, mag von vorneherein auf die Angabe verzichten. Nicht jedem Aspekt des eigenen Lebens muss Virtualität verliehen werden: „Meine Freunde wissen doch, dass ich einen Freund habe und kennen ihn. Wozu sollte ich das ins Netz stellen?“ Doch was für den einen die Diskretion des Glücks bedeutet, kann für den anderen verletzend sein. Ein Nicht-Bekenntnis zur besseren Hälfte im Netz kann als Nicht-Bekenntnis zur Beziehung im Alltag gewertet werden; eine Aufwertung des Beziehungsstandes von in a relationship zu married mag den anderen bedrängen; und was passiert eigentlich, wenn man sich ganz oder vorübergehend trennt? Ersetzt heutzutage die Löschung des Ex per Mausklick das über eine Trennung Hinwegkommen in Rekordzeit? – Das Web schwenkt seine soziale Fahne: Das Miteinander leicht gemacht. Bisweilen bedarf es kurz nach der Statusaktualisierung klärenden Worten im direkten Austausch. Die Kommunikation über und mit der Beziehung ist ein Tanz auf dem Glatteis – zumindest, wenn der Partner mitliest.

Das netzbasierte Beziehungsmanagement geschieht nun aber nicht nur in den vier Wänden der eigenen Profilseiten, sondern in den viele Ecken des Social Web. Es betrifft neben dem Partner nicht nur den besten Kumpel oder die große Schwester, sondern mehrere Dutzend Freunde, Bekannte, vergessene Schulkameraden und Kollegen. Doch ganz anders als die Selbstverständlichkeit, kompromittierende Partyfotos nicht im Netz zu teilen, sollten Zeilen zur Liebe oder zur Einsamkeit kein Tabu sein. Dass wir uns daran gewöhnen Erlebnisse, Gedanken und in Worte gefasste Gefühle nicht gezielt mit einer Person zu besprechen, sondern offen für den Kreis der Freunde im Netz zur Kommentierung freigeben, bedeutet keine generelle Verflachung von intensiven Freundschaften, sondern ergänzt diese mit Menschen, die einander digital besser kennen und verstehen lernen. Egal ob Freude oder Frust, ein Tippen des Gemütszustandes ins Netz ermöglicht ein kleine Abbitte, auch wenn ansonsten jeder schläft. Ein rührend geschrieben verliebter Gedanke mag seinen Weg ein Stück weiter ins Netz beschreiten, zu Tränen rühren, Ablehnung erfahren, flüchtig am Leser vorbeirauschen. Das in Tinte getränkte Tagebuch schweigt im Dunkeln auch Tage später.


Gehören Gefühle in die Weiten des Netzes? Sie tun es, denn auf digitalen Bahnen muss weitaus mehr statt finden, als Nachrichten- und Informationsfluss, um die Kanäle lebendig zu halten. Twitter fand seinen Weg in die öffentliche Wahrnehmung und Medien außerhalb des Internets, als der Journalismus begann den Wert des Microbloggingdienstes als Nachrichtenquelle und Recherchemöglichkeit zu entdecken. Doch ein Großteil der ins Web gesandten Kurztexte informieren nicht sachlich, sondern sehr persönlich. Zum Strom der Nachrichten und Meinungen gesellen sich Gefühle, Begegnungen und Dialog. So überrascht es nicht, dass die Umarmung des getickerten Lebens aus der Ecke der schreibenden Zunft vorangetrieben wird, die aus dem Verständnis ihrer Berufung heraus seit jeher mehr Emotion und Wortgewalt in Texte schossen, als die Journalisten: Schriftsteller.

Jeder Mensch ein Wortkünstler; jeder verliebte, jeder verlassene Mensch ein Autor, der seine Tweets mit Herzblut pflanzt. Nähert man sich einer Typologie der Akteure im Social Web, die es mit Liebesbekundungen, Kinderwünschen und den resignativen Seufzern der Langzeitsingles befüllen, fällt schnell auf, dass die Literarizität dieser meist kurzen Auswürfe begeistern kann. Für den Liebsten, für den Ex, werden die Tasten weichgeklopft. Aber mehr noch: der sprachliche Anspruch ergänzt die Erklärung des freigiebigen Erzählens um ein weiteres Element: Neben das Herzklopfen, das mit loser Zunge schreiben lässt, tritt die erzählerische Perspektive des Absenders, der seine Liebesgeschichte als Fortsetzungsroman in 140 Zeichen oder Blogeinträgen verfasst. Partner und Selbstbild flüchten sich in die dritte Person, sprechen lauter, sprechen freizügiger und treten auf unter Namen, die sie als Figur inszenieren, anonymisieren und austauschbar machen. Der Mann, der Begleiter, Frau X und der Ex. Die Wahrung der Identität hinter abstrakten Begriffen beruhigt das Gewissen des freigiebigen Autors und gewährleistet zudem die Unendlichkeit der Geschichte: die nächste Frau, wird wiederum „die Frau“ getauft.

Doch der Roman unseres Liebeslebens verwischt die Grenzen zwischen Fakt und Fiktion noch weit reichender, als es die Darstellung des eigenen Ichs im Netz bisweilen tut. Das Biotop der Beziehung kann nach Belieben fernab des Tatsächlichen bespielt werden, ohne Herzen zu brechen. Dies aber ist vorrangig der Fall, wenn der Partner das Netzwerk der Wahl entweder gar nicht oder wenig intensiv nutzt, oder erst noch gefunden werden will. Direkt adressierte Liebesbekundungen sind selten und verlaufen zumeist über private Bahnen. Die Erklärung der Liebe geschieht vor den Augen der mitlesenden Netzbewohner oft indirekt. Das verklärt verliebte Grinsen, das ein frisch in den rosa Schleier getauchter Mensch nicht verstecken kann, wird ungehemmt ins Netz geschrieben. Eine Ausformulierung des Glückes zu zweit, als würde jede weitere Verewigung im Web die Partnerschaft schützen vor der Schnelllebigkeit der Liebe; jedes einsam notierte Zubettgehen der Partnerlosen die bessere Hälfte ein Stück näher rücken. Für manche mögen das Zeichen emotionaler Verwahrlosung sein, doch das Teilen der Gedanken im Netz kann ebenso die Aufarbeitung von Gefühlen als Äquivalent zum Gespräch mit Freunden in trauter Kneipenrunde leisten. Wo Menschen einander zuhören, kann kein Ort sozialer Kälte sein.

Dennoch, bei all der katalysierenden Wirkung, die ein in digitale Häppchen aufgefächertes Gefühlsleben sinnvoll erscheinen lässt, kann ein Blick auf das unterschiedliche Verständnis von sozialen Netzwerken und dem Maß des sich Mitteilens nicht schaden. Neben der Beziehung, die im Netz ihre Darstellung findet, pflegt ein Mitglied eines Netzwerkes mehr oder weniger enge Bindungen zu anderen Usern. Entscheidend ist hier das weniger – vielleicht. Der Begriff des ‚Oversharings’ – das Teilen von mehr persönlichen oder intimen Informationen als Adressaten als angebracht und angenehm empfinden – ist vielleicht derzeit eine der spannendsten Konfliktlinien innerhalb des Social Web. Für manche Nutzer sind das #beischlaftweets, laute Parteibekenntnisse vor einer Wahl oder suizidale Gedanken. Durch diese unterschiedlichen Präferenzen aber gruppieren sich Menschen im Web nicht nur entlang tatsächlich bestehender Bekanntschaften und Interessensgebieten, sondern auch entlang empathischer Fähigkeiten, Toleranz und Schmerzgrenzen.

credits for all pictures: bryan schutmaat - western frieze

Wer dies alles unter Mädchenkram ablegt, irrt. Das Feld der großen Gefühle wird im Bereich der Statuts-Updates auch immer mehr von den männlichen Teilnehmern befüllt. Die Autorin Elisabeth Rank fragte noch im Rahmen der re:publica 2009 „Wieso bloggen so wenig Männer über ihre Gefühle?“ Es scheint für Männer leichter dies im stark begrenzten Rahmen der Status-Aktualisierungen zu tun. Es scheint nahezu verlockend. Auch wenn es im Bereich der Blogs und längeren Texte weniger evident ist, das Bekenntnis zu Gefühlen ist chic, das Veröffentlichen eines Beziehungsstatus dabei nur der erste Schritt. In sozialen Netzwerken stellt sich mehr und mehr für unterschiedliche Bereiche das Phänomen der sozialen Erwünschtheit ein, der nachgegeben wird. In den Wochen und Tagen vor der Bundestagswahl erschienen Status-Updates stark politisiert; das reichte von Kommentierung der Wahlprogramme über Aufforderungen Wählen zu gehen bis zum Offenlegen von Erst- und Zweitstimme. Für die Romantik des Alltags scheint sich Ähnliches einzustellen. Als gute Freundin oder treuer Ehemann erwähnt man die bessere Hälfte ab und an auch digital. Ebenso wichtig scheint dies für den letzten Schliff der Selbstdarstellung: eine glückliche Partnerschaft gehört zu einem erfüllten Leben dazu so wie ein gut bezahlter Job und das entsprechende Auto. Selbstgeschrieben erreicht die Liebes- und Lebensgeschichte den gewünschten Grad der Perfektion. Und in Zeiten, in denen Beziehungen loser geführt, Ehen später oder nie geschlossen werden und die Erstgebärenden 40 sind, beruhigt der elektronische Ring am Finger und das digitale Treuegelöbnis vorerst das Gemüt.

Heiratsanträge gestellt über Twitter, der erste Schritt zur Trennung über das Löschen des Liebsten aus der Friend-List, die Anbahnung einer Romanze über einen nobel geschriebenen Pinnwandeintrag – auf den ersten Blick scheint dies neu, fremd und ein wenig zu einfach, und dennoch voller Poesie. Es bleibt Geschmacksfrage, wem die Liebe gelten soll: Nur ihm oder ihr, oder einem Teil der Welt. Doch Liebe scheint mehr und mehr für alle da. Gefühle lauern im Netz an jeder Ecke. Sie umarmen elf Jungs auf dem Platz, gelten Politischem oder der Band auf der Bühne. Wer sagt schon, dass die ganz großen Gefühle immer die von der rosaroten Wolke sein müssen?



Ihr könnt diesen Text auch ausdrucken oder ab dem 15. März im BLANK-Magazin lesen. Für die Kommentare wünsche ich mir vor allem, dass ihr Herrn Schmitz bittet, einen Beitrag über Modeblogs zu schreiben. Das wünsche ich mir nämlich zum Geburtstag.


12/11/2009

Entdecker a.D.



Frank Schirrmacher schreibt viele richtige Dinge: Das Internet sei voller Müll, es wäre erschöpfend, sich durch eben diesen zu manövrieren, es könne von den wirklich wichtigen Dingen ablenken und es nicht zu benutzen dürfte in nächster Zukunft die eigene Existenz mehr oder minder in Frage stellen. Auch ist sicherlich richtig, dass es immer Menschen geben wird, die ihrem digitalen Selbst, der nächsten Information oder der elektronischen Glücksnuss zu viel Wichtigkeit beimessen.

Genauso gut lasse sich aber mit dem Internet arbeiten, sich im Schwarm in Windeseile Lösungsmöglichkeiten finden, für die der Einzelne Jahre gebraucht hätte. Der Computer nehme uns Arbeit ab, speichere Informationen und schaffe Freiräume, die es uns ermöglichen, unsere Zeit besser zu nutzen. Wenn wir denn bereit swären, diese entstehenden Freiräume zu nutzen und uns dem zuwenden, was wir als Menschen laut Schirrmacher am besten könnten: der Heuristik, also der Erkenntnis, dass es sich auch mit unvollständigen Informationen leben lässt.

Das wiederum bedeute aber, dass wir uns von dem Neuling auf den sozialen Pfaden des Netzes hin zu einem digitalem Erwachsenen entwickeln müssen, der die digitale Flut weniger als Glaubensaufforderung denn als Meer von Möglichkeiten sieht und mit Hilfe seiner Selbstkontrolle - denn darum gehe es ja beim Erwachsenwerden - dazu in der Lage wäre, auf Beutezug zu gehen. Die winkende Prise sei ein gutes, effizientes Arbeiten, im besten Fall Leben und ein austrainierter Muskel, Schirrmachers Bild für ein gut funktionierendes Zerebrum.

Erreichen kann dies laut Schirrmacher nur eine den Zeichen der Zeit angepasste Erziehung. Nichts fällt da leichter, als die eh schon gebeutelten Schulen und das Bildungswesen in Gänze in die Pflicht zu nehmen. Sie sollen Menschen wie ihn, also 50-jährige Pennäler, in Zukunft auf eben selbe vorbereiten. Bleibt nur die Frage, was an diesem Satz nicht stimmt.

Frank Schirrmacher hat also eine Erfahrung gemacht, die er verarbeiten will. Es ist die Erfahrung, die jeder von uns gemacht hat, als er sich das erste Mal mit dem Internet auseinander gesetzt hat und eine Mischung aus Aufregung, Unsicherheit und Neugier empfand. Ähnlich müssen sich Kolumbus und seine Kumpanen gefühlt haben, als sie ihre Füße in den nassen, fremden Sand der Neuen Welt setzten.

Und dieser Ort der Unwägbarkeiten - später wurde er der, der unbegrenzten Möglichkeiten - war zunächst schwer einzuschätzen. Also tat man das, was man zu der Zeit am besten konnte: man verteufelte ihn, um ihn dann auszuschlachten. Ähnliche Bestrebungen kann man momentan in den größeren Verlagshäusern beobachten, zu deren Belle Etage sich auch Herr Schirrmacher zählen darf. Payback steht auf Rang 3 der Bestsellerlisten. Das nur am Rande.

Frank Schirrmacher ist aber de facto weder Christopher Kolumbus noch Marc O'Polo, auch wenn uns das die Medien in ihrer (zu) spät erwachenden Netzbegeisterung glauben machen wollen. Er war eben nicht der Erste oder Einzige. Deshalb hat sein Buch in letzter Instanz wenig Originäres zu bieten. Vielleicht liest es sich auch gerade deswegen so leicht.

Denn selbst in Deutschland gibt es nicht wenige, die sich 2003 das erste Mal in Jetzt oder Intro.de einloggten (um MySpace auszusparen), in Sammelsurien aus Tagebucheinträgen, ersten Gehversuchen in Sachen Selbstdarstellung und einer gehörigen Portion zwischenmenschlicher (vor allem zwischengeschlechtlicher) Kommunikation. Diese Geschenkbox hielt schon damals in etwa alles bereit, was man brauchte, um sich seiner Zeit vollständig zu berauben. Diese Erfahrung haben die digitalen Ureinwohner, wie sie von Schirrmacher und Lobo genannt werden, bereits hinter sich.

Wir haben, wie Sascha Lobo in seinem Artikel richtig bemerkt, im besten Fall aus der Erfahrung gelernt - genug Zeit dafür gab es. Das eben hat Schirrmacher in letzter Konsequenz noch nicht - zumindest gibt er dies vor. Und aus diesem Missstand, dem Verlust der Deutungshoheit und der Kontrolle, dem Zwang, sich mit etwas Neuem beschäftigen zu müssen, entstand sein Buch. Es handelt von einem Prozess, der schon begonnen hat, denn das digitale Amerika ist längst besiedelt. Das jedoch bleibt weitesgehend unausgesprochen.

Für die predigitale Generation mag das von Schirrmacher vermittelte Wissen und seine Thesen einen Aha-Effekt besitzen. Sie haben die neue Welt nie gesehen. Viele meiner Freunde und Kollegen, sogar Mitmenschen - wenn man sich weit aus dem Fenster lehnen wollen würde - sind jedoch, um im Bild zu bleiben, schon längst Weltenumsegler. Frank Schirrmachers Worte klingen da wie die Schwärmereien eines alten Mannes, der vorgibt dabei gewesen zu sein. Nur hat er den Hafen der alten Welt nie verlassen.

Wir aber, die "Digital Natives", akkumulieren und filtern schon heute Nachrichten in unseren Readern, verabreden uns im Netz auf einen echten Kaffee, arbeiten an Shared Docs, haben immer alles griffbereit und finden in den sozialen Netzen Gleichgesinnte aus Frankfurt, um die Dinge des Lebens zu besprechen. Wir wissen, dass das praktisch ist und haben gelernt, mit unseren Sextanten umzugehen. Und wir sind nicht allein. Leider gilt dies auch für die Schirrmachers.


2/07/2009

is it the shoes?



es ist der skandal, das gesprächsthema in der deutschen, weiblich dominierten mode-blogosphäre. von blasphemie, hybris und anmaßung ist die rede. bis aufs blut werden alte fehden aufgekocht und neue beschworen. es geht ans eingemachte, kein auge darf trocken bleiben, jeder muss stellung beziehen, mit oder gegen uns, für oder wider.

alles schnickschnack. in erster linie handelt es sich hier um ganz große unterhaltung. denn, wie könnte es anders sein, es geht um schuhe. von da aus ist es bekanntlich nicht mehr weit bis zur weiblichen psyche. und was diese kitzelt, kann man in seiner ganzen anmut, also dem teil, den wir männer immer übersehen (wollen, müssen), hier und hier nachlesen. ein trauerspiel in vier akten, in dem es vor neid, missgunst, übersteigertem selbstbezug und geschmacklosigkeiten nur so wimmelt. ich empfehle jedem geneigten toiletten-, wartezimmer- oder galaleser die lektüre. ein fest, ohne gehalt zwar, aber mit unterhaltungswert. siehe lektion eins.





aber worum geht es eigentlich? ganz ehrlich, ich weiss es nicht genau, bewusst. hinter den vorhängen wohl um zwei blogs, deren betreiberinnen sich nicht mögen. vordergründig geht es um positionierungen: der eine kommerziell, der andere nicht. der eine elite, der andere mauerblümchen. der eine mit, der andere ohne geschmack. der eine mit zensur, der andere mit vogtschem biss, und so weiter. die liste ist endlos, und je nachdem auf welcher seite man steht, findet man das entsprechende antonym eben schlecht. so einfach ist tennis.

es hat schon immer spaß gemacht, im trüben zu fischen. und davon ist hier reichlich vorhanden, denn jeder hat ja eine meinung, einen standpunkt und eine klikke. nur irgendwie nicht so richtig. alles kein problem, jeder stammtisch ist nicht anders, aber "...jetzt kommt der punkt, an dem alles kippt, finde ich." jetzt kommen hormone ins spiel, gefühlte wahrheiten und dissoziative wahrnehmungen. der perfekte nährboden, für probleme, die es noch zu erfinden gilt. wer es bis hier hin geschafft hat, der hat es nicht mehr weit bis zu den kapriolen, die einen das leben vermeintlich schlagen lässt.





es ist für einen aussenstehenden wie mich einfach schwer, das allzu ernst zu nehmen, das alles nicht unter "ewig schwelendem zickenkrieg" zu subsumieren, der ständig und immer tobt, depression und hysterie auslöst und im schlimmsten fall meinen fix reservierten samstagnachmittag bedroht. alles schon gesehen bzw. gehört: auf mädchencouchen, in cafes, der kneipe, der uni, dem bett oder der diskothek. das ist selten neues, selten gewichtiges und noch seltener fundiert. und gott bewahre, selten dauerhaft.

die stunden, die man als zuhörer und analyst solcher ergüsse verbringt, sind trotzdem so end- wie sinnlos, gleichzeitig aber lehrreich und unterhaltsam. moment? das ist kein widerspruch, denn hier geht es um die königsdisziplin, das verstehen der weiblichen psyche. lektion eins: es ist alles erlaubt.

und so ist es eben auch hier erlaubt, aus einer mücke, zugegebenermaßen zweifelhaftem schuhwerk, einen elefanten, mehrere artikel mit gefühlten 8000 kommentaren, zu machen. nur beschweren sollte man sich nicht, wenn gelacht wird. denn auch wenn es einige kaum mehr zu glauben wagen, lachen ist nicht nur futter für die profilneurose. in erster linie ist es gesund.


die beiden angesprochenen artikel findet ihr hier und hier. vornehmlich geht es um die blogs les mads und next to you.


11/06/2008

there is a book in iphone



knicken wäre nicht mein baby, wenn der begriff web 2.0 für mich nicht der inbegriff eines spielplatzes für die damen und herren meiner generation wäre. doch dafür, dass ich überhaupt daran gefallen finden konnte worte über die tastatur meines schoßcomputers in die weiten des internets zu publizieren, habe ich zweifelsohne schon bevor ich mit sechs jahren als i-männchen gelabelt wurde, bücher gefrühstückt, gedrucktes mit ins bett genommen, und war vermutlich nur zum sonntäglichen kirchgang zu bewegen da ich wusste, dass ich danach in der dazugehörigen bücherei verweilen durfte, die keinesfalls ein christliches geprägtes programm aufwies.

wenn man als kind viel gelesen, gezeichnet und aufgrund der abwesenheit der möglichkeit eine sms oder e-mail zu verfassen brieffreundschaften gepflegt hat, bleibt man süchtig nach der haptik von gedrucktem, ähnlich wie fashion-versteher beim stoffkauf sich zunächst auf ihre fingerkuppen, und nicht auf ihr sehvermögen verlassen. ob die dünnen seiten einer schulbibel, die glitschigen blätter einer frauenzeitschrift im pocket-format oder die zunächst sperrigen und rauen bögen eines hardcovers - das feel eines druckerzeugnisses weckt immer eine assoziation zu natur und qualität seines inhaltes.
so bleibt es in maßen verständlich, dass journalisten ihre texte ungerne nur ins netz entlassen, anstatt in die druckpresse und vertreter der verlagsbranche das vordringen des webs auch in ihre gefilde geflissentlich ignorieren, totreden, oder gleich das ende des geschriebenen wortes in formvollendung herbeifantasieren. die verschiedenen chancen, sei es nun eine sehr viel weitere verbreitung, ein leichterer zugriff und dies auch für nachfolgende generationen oder ein ressourcenschonendes aushändigen von text und thesen, werden den generalverdacht des kulturverlustes verschuldet durch das internet wohl nur langsam dämpfen.

ausgerecht ein kleiner independent-verlag, ansässig im herzen von kreuzberg 36, hat nun den pionierschritt gewagt und als erster verlag weltweit die erstveröffentlichung eines romans sowohl traditionell als greifbares schriftstück für den buchhandel als auch als e-book für das iphone und ipod touch in den markt gebracht. in kooperation mit den apple-entwicklern der thecode ag hat der verlag onkel & onkel einen stand-alone e-reader für das iphone entwickelt (mehr dazu hier). erstes anliegen von onkel & onkel ist hierbei zunächst die leserschaft für die technologie zu begeistern: sie bieten daher den roman 'puder' von dem norwegischen gegenwartsautor tor age bringsværd als vollständiges werk zum kostenlosen download an. das werk ist sogar inhaltlich auf die iphone-application abgestimmt: die gesellschaftssatire spielt in in einem durchtechnologiesierten oslo der zukunft, in dem protagonist p als irrationales handlungselement bei einem verlag arbeitet, und dort die von computern geschriebenen texte in weniger glatte form versetzt.



von der einwandfreien funktionalität des buches fürs iphone habe ich mich gestern bei einem besuch im laden des verlags in der oranienstraße 195 überzeugen können. neben anderen bunten netzideen in der hinterhand bieten onkel & onkel natürlich auch eine exquisite auswahl gedruckter dinge wie das vielbesprochene führer-quartett, zozoville prints oder meinen persönlichen favoriten: ein winziges schwarzes buch aus der reihe die kleinen bösen bücher: "gemeine antworten auf kinderfragen". wer sich zudem von indieerotik inspieriren lassen möchte kann im laden des verlags das jungsheft erwerben.

onkel & onkel - im netz oder in der oranienstraße 195, 10999 berlin-kreuzberg. zum download des buches hier entlang, auf papier findet ihr es hier.



8/09/2007

nerds paradise


sternzeit 1229:20070809 - die ganze menschheit ist vernetzt. windows ist der einzig wahre gott und bill gates ist sein prophet! das ist natürlich nur wunschdenken aus redmond, gates sei dank.

es gibt immer mehr alternative plattformen, wie linux, bzw. ubuntu; die von unzähligen von microsoft-machenschaften angewiderten programmieren tagtäglich weiter entwickelt werden. viele von ihnen werden im augenblick wohl dort sein:


eine unerschütterliche truppe von hackern, visionären, intellektuellen und "ähnlichen lebensformen" (eigenwerbung), die schon seit es das internetz gibt unter dem namen ccc (chaos computer club) firmiert und agiert, trifft sich dieser tage bei den koordinaten 52.8317,13.6779 (nähe finowfurt) und versucht, das internet, welches eben nicht mehr nur "eine spielwiese für computernerds" ist, wieder lebenswerter und menschennäher zu gestalten. das eingreifen des staates in die privatsphäre seiner bürger - siehe thema: bundestrojaner- wird bei den vielen workshops und symposien genauso thema sein wie die ccc-würdigen machtspielchencontests zwischen den unzähligen hackern vor ort. würde mich ja doch mal interessieren, wieviele große konzerne gerade extra it-security-berater auf zeit angeheuert haben, um eventuelle spaß-angriffe aus finowfurt abzuwehren.


daneben wird ein reichhaltiges project-, party- und kulturprogramm feilgeboten. wer sich beeilt bekommt noch etwas davon mit. die tore des ccc chaos communication camps 2007 haben vom 9.08.-12.08.2007 geöffnet.


7/14/2007

partyticker der nation



zunehmende medienkonzentration, folglich abnehmende medienvielfalt: seit jahren schwelt die diskussion um die wettbewerbssituation im medienmarkt und ihre auswirkungen auf die schaffung eines breiten meinungs- und wissensspektrums. der liebste nachrichtenticker der bohèmen info-elite mutiert derweil - zielgruppengerecht - zu einem mythen schaffenden blog, der klingt, als stamme er aus der feder verspäteter abenteurer.

so schmückt sich das kulturressort mit texten über das ravende berlin. da autor daniel haaksman die berliner clubszene aber nicht erst seit einigen monaten erkundet, wirft der artikel die frage auf, welche motivation seine literarischen ergüsse zu spiegel online trieben. so schreibt er doch selbst in seinem artikel "im "berghain" herrscht rigoroses film- und fotoverbot, im "beatstreet" würde kaum einer der euphorischen gäste auf die idee kommen, das geschehen zu dokumentieren." den drogenkonsum beschreibt haaksman dennoch. vielleicht ist dies auch nur sein nett gemeinter hinweis für die besucher der fashion week, die in den verbotenen untergrund abtauchen möchten.

zurück zur innig geliebten medienlandschaft in einem etwas weiteren kontext. zwar kann die kommunikationswissenschaft dem netz nur in verschwindend geringem umfang nachweisen, dass es anderen medienarten die anhänger raubt, doch die eu ließ sich jüngst einen neuen streich einfallen, der zumindest das fernsehen qualitativ weiter ins tal bringen könnte. die richtlinie "audiovisuelle mediendienste ohne grenzen" erlaubt product placement in fernsehsendungen. werbung ermöglicht dem mündigen konsumenten bekanntlich fundierte entscheidungen.

da die eu ihre verbraucher behütet und schützt wo es nur geht, werden vor einer sendung mit produktplatzierung natürlich hinweise gesendet. und so wird nun auch endlich ersichtlich, welche cellulite-creme die gzsz-charaktere benutzen, oder eben welche drogen – falls spiegel online diese thematik nicht wieder schneller aufgreift.

das bild stammt aus der ausstellung "entzaubert", für die wolfram hahn fernsehschauende kinder fotografierte. zu sehen ist sie noch bis zum 29. juli in der galerie c/o, oranienburger straße/tucholskystraße.


7/11/2007

kill your soul(seek)



als persönlich betroffener der generation (unbezahltes) praktikum (bei diversen kulturgüter produzierenden unternehmen) kann ich den satz "copy (filesharing) kills music" auf jeden fall nur bejahen. andererseits haben die multimilliardenschweren medienkonglomerate jahrelang eindrucksvoll bewiesen, dass sie uns (die kunden) für bescheuert und/oder kriminell, zumindest aber für unermesslich schröpfbare cash cows halten. so ist es nicht weiter verwunderlich, dass man sich selbst weiterhilft und diverse p2p plattformen à la soulseek regen zulauf finden. was aber viele menschen nicht wissen/wussten, einer der besten helfer für gesuchte dateien, ganz egal ob ebook, mp3 oder lieblingsfilm, ist die gute alte google-seite. dieses youtube video-tutorial zeigt einem, wie man sich mit ein paar simplen eingaben den klick auf soulseek, edonkey & co sparen kann. die benutzung dieses tutorials erfolgt natürlich auf eigene verantwortung. der download von urheberrechtlich geschützten werken ist nämlich nach wie vor ________